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Bauermänner überraschend in der Zwischenrunde – Kritik an Nachwuchsarbeit in Deutschland flammt neu auf

Nach dem Überraschungscoup gegen Titelverteidiger Russland taumelte das deutsche Nationalteam gegen Lettland gehörig, stand ganz kurz vor dem Ausscheiden. In den letzten 23 Sekunden wendete das deutsche Team allerdings noch einmal das Blatt und zieht damit in die Zwischenrunde ein – wo die Chancen, sich für das Viertelfinale zu qualifizieren garnicht so gering sind. 

Sie lachten, und sie tanzten. Die Freude entlud sich. Nach dem Schlusspfiff bildete sich ein großer, hüpfender Knäuel aus Spielern auf dem Feld, wohlgemerkt aus deutschen Spielern, denn die hatten gegen Lettland unverhofft doch noch gewonnen - obwohl sie eigentlich verloren hatten. Denn die Ausgangslage war: Mit acht Punkten durfte Lettland die Oberhand behalten, um dem deutschen Team das Ticket für die Zwischenrunde bei der Europameisterschaft zu überlassen. Doch lange sah es so aus, als würden die Balten der Bauermann-Equipe diesen Gefallen nicht tun, sie zeigten das bessere Spiel, vor allen Dingen machten sie ihrem Ruf, eine sehr gute und sehr harte Verteidigung spielen zu können, alle Ehre.

Ein Plakat lettischer Anhänger kündigte schon vor Spielbeginn eine harte Gangart an: „Deutschland Kaput“, war da zu lesen und es dauerte auch nicht lange, bis ein deutscher Spieler die rustikale Spielweise des Gegners zu spüren bekam: vom Ellbogen eines Gegenspielers bekam Patrick Femerlings Nase eine verpasst, später musste der Routinier genäht werden. Und im Laufe des Spiels kam dann ja auch der ehemalige Profiboxer im Team der Letten, Kaspars Kambala (in vier Schwergewichtskämpfen unbesiegt), auf das Feld und verhalf Lettland zu noch mehr Robustheit. „Es war eigentlich mehr eine Prügelei, als ein Basketballspiel“, meinte Jan-Hendrik Jagla und dachte dabei wohl an die lange Zeit mit allen Mitteln vollzogene Verteidigung des Gegners zurück. Denn kaum ein Durchkommen war für Schaffartzick und Co. gegen die Raumverteidigung Lettlands, das in Danzig zudem lautstark von rund 2000 angereisten Fans nach vorne getrieben wurde, und die den „jungen Wilden“ von Headcoach Dirk Bauermann sichtlich auf die Nerven gingen. 13:14 stand es nach Viertel eins, ehe Lettland mehr und mehr davonzog. Die Deutschen zeigten eine bescheidene Wurfquote und offenbarten in der lettischen Zone eine ängstliche Grundhaltung.

Bis in die Schlussphase hielt die Führung Lettlands, sie feierten schon auf den Rängen, doch dann kamen die letzten Sekunden, 23 um genau zu sein: Deutschland lag mit elf Zählern hinten (57:68), war also klar draußen zu diesem Zeitpunkt. Nach einer Auszeit musste es schnell gehen, der Ball kam zu Jan-Hendrik Jagla - und der versuchte es für drei. Der Wurf musste sitzen, sonst wäre es das Aus gewesen. Zuvor hatte es an der Präzision und der Durchsetzungsfähigkeit bei den deutschen Schützen deutlich gehapert, doch Jagla versenkte den Ball im Korb, es stand nun 60:68. Deutschland war wieder im Rennen, und als auf der Gegenseite nach schnellem Foul (sonst hätten die Letten die Uhr einfach runtergespielt und einen letzten Wurf angesetzt) Ernests Kalve zwei Freiwürfe vergab, standen urplötzlich sogar alle Türen offen. Deutschland ließ sich die Chance nicht nehmen: Jagla wurde beim Rebound gefoult, und der 28-Jährige behielt bei seinen Freiwürfen zum 62:68 zweimal die Nerven. Kurz darauf war Schluss.

„Nie war eine Niederlage schöner“, freute sich Demond Greene, der zuvor in der einen oder anderen Situation Nervenstärke bewiesen und die Deutschen im Spiel gehalten hatte. Auch Dirk Bauermann äußerte sich so: „Das ist die schönste Niederlage meines Lebens“, krächzte er, gezeichnet von einem langen Nervenspiel. Ex-Boxer Kaspars Kambala hatte indes Schwieirgkeiten, die Niederlage zu verkraften: Nach dem Ende der Partie soll der lettische Center Steffen Hamann tätlich angegriffen haben. Angeblich rammte er er dem Deutschen seinen Ellbogen ins Gesicht, sodass diesem ein Backenzahn zertrümmert wurde. Da einige Funktionäre den Vorfall beobachtet haben, eröffnete der europäische Basketball-Verband Fiba-Europe sogleich eine Verhandlung gegen Kambala. Ob und wie lange der 30-jährige 133-Kilo-Mann gesperrt wird, soll bis Samstag bekannt gemacht werden.

Da werden die Deutschen bereits ihre erste Partie in der Zwischenrunde, in die sie 2:2-Punkte mitnehmen, absolviert haben. Am Freitag (18.15 Uhr) treffen die Bauermänner auf Griechenland. Weiter geht es am Sonntag (Mazedonien, 15.45 Uhr), ehe am Dienstag (21 Uhr) gegen Kroatien der Abschluss der Zwischenrunde folgt. Das sind schwere Brocken, doch ein Sieg gegen Mazedonien, ein Team mit dem die Deutschen sich durchaus auf Augenhöhe befinden, was Testspiele im Vorfeld der EM zeigten, könnte dabei schon reichen, um ins Viertelfinale vorzustoßen. Dabei war dem verjüngten Team bei den Kontinentalwettkämpfen in Polen eine hoffnungslose Unterlegenheit prophezeit worden. Selbst Dirk Bauermann hatte seine Erwartungen weit unten angesiedelt. Zur Erinnerung: „Ein EM-Spiel gewinnen“, lautete das Ziel des Bundestrainers.

Die Erfolge bei der Euro haben nun auch das Selbstbewusstsein beim Nationalteam nach oben geschraubt. Die unverhofften Erfolge sind Wasser auf die Mühlen derjenigen, die eine kritische Haltung gegeüber den Funktionären rund um das deutsche Basketball haben. Dirk Bauermann ist seit langer Zeit bekannt dafür, dass er in Sachen Einsatzzeiten deutscher Spieler in der BBL kein Blatt vor den Mund nimmt. Zu Recht weist der Traineroutinier regelmäßig auf die in der Heimat begrenzten Spielzeiten deutscher Talente hin. Die BBL brauche „ein deutsches Gesicht“. Es fehle nicht an guten, jungen Spielern, sondern am Mut der Übungsleiter, diese einzusetzen. „Es ist fantastisch für die Sache“, ließ Bauermann nach dem Sieg gegen Lettland in einem Satz durchblicken, warum er sich am meisten über den Einzug in die Zwischenrunde freute. Bauermann kann sich bestätigt fühlen, denn dass mitnichten keine Qualität da ist, beweist das deutsche Team der No-Names bei dieser Euro. Zuhause verpönt, doch international anerkannt! Es fehlt ja nicht mehr viel und Deutschland steht unter den besten Acht Europas. „Die Art und Weise, wie die nächste Generation die Feuertaufe bestanden hat, zeigt, welches Potential da in Deutschland schlummert“, merkte die Frankfurter Rundschau nach dem Einzug in die Zwischenrunde an.

Auch die Spieler werden nun mutiger in ihrer Wortwahl. Jan-Hendrik Jagla nutzte die aus seiner Sicht zu geringe Wertschätzung des deutschen Nachwuchses sogleich für einen Rundumschlag. Am Rande der Spiele in Polen schüttete der 28-jährige Forward, der derzeit ohne Verein ist, sein Herz aus. „Wir Deutsche sind in Deutschland nicht erwünscht. Die Klubs holen lieber billige Amerikaner, die nur für ihr eigenes Punktekonto spielen und nach einem Jahr wieder verschwinden", klagt Jagla gegenüber der Sport Bild. Der deutschen BBL stellte er kein gutes Zeugnis aus: „Dort wird grausamer Basketball gespielt, zum Weggucken. Da kann man sich genauso Streetbasketball im Hinterhof anschauen. Selbst die belgische Liga ist teilweise stärker", polterte Jagla, dessen Vertrag beim spanischen Spitzenclub Joventut Badalona ausgelaufen ist. „So hoch veranlagte Spieler wie Tibor Pleiß oder Robin Benzing habe ich in Spanien nicht gesehen. Aber die sind Weltmeister. Irgendetwas läuft in Deutschland verkehrt“, führte er weiter aus. Jagla fordert deshalb "ein Umdenken bei den Vereinen, aber auf den Managerposten sitzen die falschen Leute".

Hätte das deutsche Team in Polen ein Desaster erlebt, wäre es Wasser auf die Mühlen mancher deutscher BB-Entscheidungsträger gewesen. „Man sieht, wir benötigen gute ausländische Spieler, um das Niveau zu heben und an denen sich die deutschen Spieler orientieren können“, hätte es womöglich geheißen. Doch damit ist es Essig: Mit ihrem jetzt schon fest stehenden Erfolg bei der Europameisterschaft haben die deutschen Talente die Funktionäre in der Heimat in Erklärungsnot gebracht.

  (Basketportal Worldwide, Artikel-Nr. 1945)

Angelegt am 10.09.2009 17:26.

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1 Kommentar(e)

11.09.2009 13:43:54   #1

marinus (Leser)
   
Registriert seit: 11.09.2009
Beiträge: 1
Ich bin beim googeln über die Euro in Polen auf ihre Seite gestoßen...Das ist ein treffender Artikel über das deutsche BB. Gut recherchiert. Lob und Tadel in einem Artikel. Manche Herren werden so etwas nicht gerne lesen, aber die Wahrheit schmerzt eben manchmal. Vielen Dank und weiter so.

 


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